Es war einmal… wieder das abgelegene Fabrikgelände draußen im Irgendwo…

Lautes Rufen. Scheppernde Förderbänder. Und ein Problem.

„Nein, nein, nein. Und so kurz vor dem Stichtag. Als ob wir nicht schon genug Stress hätten.“ Mit sorgenzerfurchter Stirn stützte der alte Mann das Kinn auf seine gefalteten Hände und blickte in die Runde. Es wurde still und acht Augenpaare beobachteten ihn nun ganz genau. „Was hast du dir dabei gedacht?“ fuhr der alte Mann fort und fixierte mit traurigen Augen einen seiner wichtigsten Mitarbeiter.

„Mmmmh, ich dachte, es würde mächtig Eindruck machen, wenn wir die Wände senkrecht hoch laufen und so die Menschen zum Stauen bringen. Und… und… und ich fand es auch beeindruckend – jedenfalls so lange bis ich von einer Wand stürzte…“ murmelte das Rentier und tänzelte nervös auf der Stelle, so dass man die beiden eingegipsten Hinterhufe deutlich auf dem Holzfußboden hörte.

Der alte Mann dachte an die vollen Lager und Laderampen – und die Bedeutung des Tages, auf den seine ganze Belegschaft schon seit Wochen und Monaten hinarbeitete. Und wie sollte er den Aktionären erklären, dass der Geschäftserfolg dieser besonderen Firma durch dieses Logistikproblem deutlich gefährdet war?

„Dasher – du und dein Antrieb, dich immer selbst darzustellen und herauszustechen“, brummelte der alte Mann in seinen dichten weißen Bart, „aber egal – wir brauchen ein Ersatz-Rentier für die heilige Nacht.“

Er war sich bewusst, welche Diskussion nun losbrechen würde, da er seine „Stars“ gut kannte. Jeder hatte seine ganz eigene Sicht auf sich und seine Arbeit – und diese Sicht der Welt und die dazugehörende individuelle Motivation waren so einzigartig wie ein Hufabdruck.

Für Donner war es vollkommen klar, dass das Ersatz-Ren sich (so wie sie) vor allem für Ordnung und Struktur begeistern sollte – schließlich galt es die komplexen Flugmanöver und den Flugplan einzuhalten.

Cupid sah dies ganz anders – er wollte nicht eine links-geweih-lastiges Ren, dem es (in seinen Augen) nur um das nüchterne und penible Einhalten von Regeln ging – es sollte vor allem attraktiv und gut aussehend sein.

Die anderen Rentiere grinsten und auch unter dem Bart des alten Mannes zeichnete sich ein erstes Lächeln ab.

„Ja, es muss schon ordentlich sein. Und natürlich auch nicht wirklich hässlich“, warf Rudolph ein. Er machte sich jedoch dafür stak, dass das neue Rentier vor allem kinderlieb sein müsste und ein großes Herz bräuchte.

Und so führte jedes Rentier sein Gründe an, weshalb nach seiner Meinung ein Ersatzrentier mehr – oder eben weniger – geeignet sei, um Dasher in der wichtigen Nacht zu ersetzen.

Der alte Mann hörte sich alle Meinungen geduldig an. Als die aufgeregten Stimmen verstummten, strich er sich langsam durch den Bart und blickte seine „Stars“ an.

„Ordnung ist wichtig“, setzte er an und die Augen von Donner begannen zu leuchten – „aber Ordnung ist eben nicht alles“, fuhr er fort. Er sprach davon, dass auch Ästhetik, Kraft und der idealistische Wunsch, Kinderherzen zu erfreuen, nicht unterschätzt werden sollten und lächelte, als er immer mehr leuchtende Augenpaare sah.

„Deshalb sollten wir ein Rentier nehmen, das diese Eigenschaften auf jeden Fall auch hat. Aber wie sollen wir das in Erfahrung bringen?“ fragte der bärtige Mann in die Runde. Er wusste, dass alle Rentiere der Nachrückerliste das entsprechende Können hatten und schnell laufen und fliegen konnten. Dies hatte er persönlich überprüft und im Bewerbungsprozess auch sehr leicht herausbekommen.

Da meldet sich der alte graubärtige Personaldispositionswichtel, der bisher kommentarlos hinter seiner dicken Brille in seiner Ecke gesessen war, und machte mit leiser Stimme einen Vorschlag. „Naja Santa – wir könnten die Bewerber doch einfach zu ihren Motiven befragen. Und je stärker die Antworten von dem Durchschnitt aus unserer großen Rentier-Datenbank abweichen, desto stärker muss auch das entsprechende Motiv sein.“

Der Weihnachtsmann lächelte bei diesem Vorschlag, denn wenn er die Motivlage seiner Rentiere genauer kannte, konnte er diese auch individuell motivieren – uns so die für ihre Aufgabe notwendigen Spitzenleistungen abrufen.

„Aber woher soll ich denn nun wissen, welche Motive wir für diese wichtige Aufgabe benötigen?“ wandte sich der alte Mann an den Personaldispositionswichtel.

Dieser nannte ihm verschiedene Motive und Antriebe, die aus seiner Sicht sehr hilfreich wären, so beispielsweise die Antriebe Kontaktfreude und Team-Orientierung, um gerne im Gespan mit den anderen Rentieren zu arbeiten. Und das Ren sollte natürlich auch stressrobust und vor allem bewegungsfreudig sein.

„Und ich denke, dass wir einen starken Antrieb brauchen, das Gespann auch führen und ganz vorne zu stehen, um die Position von Dasher entsprechend zu besetzen“, merkte der Weihnachtsmann an.

Und mit jeder weiteren Idee erntete der alte Mann entweder ein zustimmendes Nicken oder ein eher verständnisloses Geweihschütteln seiner anderen Rentiere. Donner fragte ihn am Ende, woher denn dieses Ersatzrentier seine Motivation nehmen sollte und ob es denn überhaupt möglich sei, ein solches Rentier zu finden.

Der Weihnachtsmann lächelte weise und sagte: „Wisst ihr, jeder von euch ist so individuell wie die Form seines Geweihs. Und jeder von euch hat seine ganz individuellen Stärken, die wir auch alle benötigen. Aber es kommt nicht auf ein spezielles Motiv an, um motivieret zu sein und herausragende Leistungen zu bringen. Jedes eurer Motive ist euer individueller Leistungsbringer. Aber nur, wenn ihr auch die Gelegenheit habt, dieses Motiv auch einzusetzen und anzuwenden – dann entfaltet es seine volle Kraft und treibt euch voran. Denn es kommt nicht nur auf euer Können an, sondern vor allem auf das Wollen.“

Und wir werden auf beides achten und ein Ersatzrentier finden, das nicht nur durch seine Fähigkeiten, sondern auch durch seine Eigenschaften und Motivation überzeugt. Der alte Mann blickte von einem zum anderen und lächelte verschmitzt, als er die blitzenden Augen sah – und auch der kleine grauhaarige Personaldispositionswichtel spürte diesen besonderen Moment und schmunzelte vor sich hin.

Jedes Ren wusste für sich, warum es wieder bereit war, das Beste zu geben, um das Weihnachtswunder wahr werden zu lassen.  – Und was treibt Sie WIRKLICH an?

Quelle: Diese Geschichte stammt aus der Feder meines geschätzten Trainerkollegen Stefan Lapenat  http://www.intelliconsult.de/. In meinem 36. Podcast „Charisma & Persönlichkeit – Was tun bei Motivationskrisen“ können Sie sie sich auch gerne anhören.

Bildquelle:
René Sputh, www.sputh.de
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